Selbstmord
Selbstmord am Kranzplatz / Mutter
warf Kinder aus dem neunten Stock und sprang hinterher
Familiendrama gestern Morgen am Kranzplatz. Eine 33-jährige Frankfurterin
warf zunächst ihre zwei und vier Jahre alten Kinder aus einem
Treppenhaus-Fenster im neunten Stock eines Wohn- und Geschäftshauses Ecke
Spiegelgasse und sprang schließlich selbst in den Tod. Das Motiv für die
grausame Tat gab der Polizei gestern Rätsel auf. Von einer Obduktion der
Leichen am heutigen Donnerstag versprechen sich die Experten
aufschlussreiche Einzelheiten.
Gestern Morgen, 10.49 Uhr. Ein Mann alarmiert die Einsatzzentrale der
Polizei, als er aus dem Hof des Hauses neben dem renommierten Hotel
„Schwarzer Bock“ einen lauten Knall hört. Rasch eilt er die steile
Auffahrt hoch und macht eine grausame Entdeckung. Vor dem Hintereingang
des Hauses liegen die zerschmetterten Körper einer 33-jährigen Frau, ihres
zweijährigen Sohnes und ihrer vierjährigen Tochter.
Durch eine schmale Lüftungsklappe im neunten Stock des Treppenhauses hat
die Frau offenbar zuvor ihre Kinder nacheinander in die Tiefe gestürzt und
folgte schließlich den Kleinen in den Tod, wobei sie noch mit einem Fuß in
der Fensteröffnung hängen geblieben sein muss, wie die Polizei vor Ort
ermittelte.
Wenige Minuten später trifft der Notarzt ein, kann aber nur noch den Tod
der Frau und ihrer beiden Kinder feststellen. Ein bereits alarmierte
Rettungshubschrauber muss unverrichteter Dinge wieder abdrehen.
Noch zwei Stunden später sichern die Beamten die wenigen Spuren. Eisiges
Schweigen herrscht am Ort der grauenvollen Tat. Warum riss die
Frankfurterin ihre Kinder mit in den Tod? Wurden die Kleinen vorher mit
Medikamenten betäubt oder ruhig gestellt? Das Motiv blieb gestern völlig
im Dunkeln. Die zweite Frage kann nur durch eine Obduktion der drei
Leichen geklärt werden, die am heutigen Donnerstag auf dem Südfriedhof
beginnen soll. Bis allerdings Spuren von Medikamenten nachgewiesen werden
können, werden sicherlich einige Tage vergehen, meint Polizeisprecher
Hellmuth Klinger.
Möglicherweise kam die Frankfurterin mit ihrem Auto nach Wiesbaden. Das
Fahrzeug wurde gestern von der Polizei gesucht. Eine Durchsuchung ihrer
Wohnung in der Main-Metropole ergab ebenfalls keinen Hinweis auf ein
mögliches Tatmotiv. „Noch haben die Frankfurter Kollegen keinen
Abschiedsbrief gefunden“, so Kriminalhauptkommissar Klinger. Der Polizei
am Main blieb am Nachmittag nur die undankbare Aufgabe, auf den Ehemann
der Selbstmörderin zu warten und ihm die grausame Nachricht so schonend
wie überhaupt in einem solchen Fall möglich beizubringen.
Selbst hart gesottenen Beamten wie Polizeisprecher Klinger war gestern
anzumerken, dass ihnen ein solcher Fall gewaltig unter die Haut geht.
Hellmuth Klinger: „Wenn jemand seine Kinder aus dem Fenster wirft und
selbst hinterher springt, das ist doch unerklärlich. Wenn ich selbst oben
stehe und meinem Leben ein Ende setzen will, o.k., aber so?“.
Der Tatort war ein Zufall, so die Polizei. Offenbar stand die Tür zum
Treppenhaus offen. Dass Menschen, die sich umbringen wollen, dafür in eine
andere Stadt reisen, ist dagegen nicht ungewöhnlich.
Quelle:
Wiesbadener Tagblatt 27.6.2002
Mehr zum Thema Selbstmord im
Internet:
War es ein "vergessener Selbstmord?"
/ Offensive Verteidigung im Mordprozess eines Wasbüttelers, der Frau und
Sohn Brandfalle gestellt haben soll
HILDESHEIM. "Es geht hier um alles oder nichts", pochte Verteidigerin
Elisabeth Winzer auf klare Feststellungen zu entlastenden Details. Sah
sich ihr Mandant am Mittwoch vor der 1. großen Strafkammer des
Landgerichts doch des versuchten Mords und der versuchten Brandstiftung
beschuldigt.
Der 34 Jahre alte Vertreter aus Wasbüttel, der laut Anklage von
Staatsanwalt Horst Müller Frau und Sohn am 14. Januar im heimischen
Pferdestall eine Brandfalle gestellt haben soll, spielte in seiner
Verteidigungsstrategie in der Tat Vabanque. Danach war die perfide
Konstruktion mit benzingefülltem Eimer über der Tür am Stolperdraht und
mit Zündfunken aus dem elektrischen Weidezaungerät ihm selbst zugedacht.
"Ich hätte es mir einfacher machen können, aber so war es eine todsichere
Geschichte", unternahm der Angeklagte einen Erklärungsversuch, warum er
sich gleichsam mit einem Selbstmord selbst überraschen wollte. "Ich habe
eben einen Hang zu komplizierten Dingen", versicherte der im seriösen
dunklen Anzug auftretende Mann, dessen Aussagen regelmäßig mit
geschraubten Formulierungen begannen und in undurchschaubaren Nebensätzen
endeten.
Staatsanwalt Müller wurde bald sauer: "Ich fühle mich wirklich veräppelt."
Auch die Vorsitzende Richterin Karin Brönstrup konnte Zweifel nicht
verhehlen. "Ein vergessener Selbstmord ist ja eher selten." Denn
tatsächlich: Der Angeklagte will sich an nichts erinnern können.
Dass detaillierte Vernehmungsprotokolle von der Polizei vorliegen, erklärt
sich der nach eigener Einschätzung "hochintelligente" Mann, bei dem
"entsprechende Aussetzer doch vorliegen", mit "vordiktierten Antworten"
der Polizei. Die Ermittler hätten ihn vor der Befragung mit eigenen
Untersuchungsergebnissen konfrontiert, die er dann referiert und mit
eigenen Rückschlüssen zur detaillierten Situationsbeschreibung ergänzt
habe. Ohnehin sei er "von den Beamten auf jeden Fall unter Druck gesetzt"
worden, ging der Angeklagte in die Offensive.
Richterin Brönstrup mochte das angesichts der Zeugenaussagen dreier
Polizisten kaum glauben. "Viele Details kann die Polizei gar nicht gewusst
haben." Zudem sei es "sehr merkwürdig", dass die Erinnerung des
Beschuldigten mit jeder Aussage mehr "von 100 auf 2 Prozent" verblasse.
Der jedoch beharrte darauf, dass die Kriminalbeamten "nur bestätigt haben
wollten, die Lösung für das Vorgefundene gefunden zu haben"; dagegen
hätten sie "keinen Wert darauf gelegt, Sachen zu suchen, die man noch gar
nicht weiß".
Doch selbst Verteidigerin Winzer machte ihrem Mandanten klar, dass er
Fragen, ob es so gewesen sei, nicht hätte bejahen müssen.
Der angebliche Selbstmordversuch des Angeklagten ist angeblich schon der
zweite seit Herbst 2001. Damals habe er sich aufhängen wollen, sei durch
einen Anruf am Autotelefon abgelenkt worden, sei dann zur Arbeit gefahren.
Hintergrund der Selbstmordabsicht wiederum ist ein angeblicher Missbrauch
vor etwa 15 Jahren. An dieses verdrängte Geschehen sei er durch eine
Geliebte erinnert worden, die Analverkehr von ihm verlangt habe,
schilderte der Angeklagte. "Da hat sich eine emotionale Welle in meinem
Kopf gelöst."
Die Ehe mit seiner Frau sei "sehr ruhig" gewesen - "jeder hat vor sich
hinfunktioniert". Eine Beziehungskrise scheide ebenso aus wie
Finanzprobleme, so dass auch die Aussicht auf die
Risiko-Lebensversicherung der Frau kein Motiv sei. Nein: "Es ist einfach
über mich gekommen."
Dass sich seine Frau in Lebensgefahr befinde, habe er erst später auf der
Fahrt zu Kunden im Auto "gespürt", sagte der Angeklagte. "Da habe ich für
sie gebetet." Der Prozess wird fortgesetzt.
Quelle:
newsclick 27.6.2002
Brandfallen-Prozess: 34-Jähriger
widerruft Geständnis
Für die Staatsanwaltschaft bestehen
keine Zweifel: Mit einer heimtückisch in einem Pferdestall installierten
Brandfalle soll ein 34-jähriger Wasbütteler im Januar dieses Jahres
versucht haben, seine damals 32 Jahre alte Ehefrau umzubringen. Gestern
musste sich der Außendienstmitarbeiter, der sein polizeiliches Geständnis
widerrief, vor dem Hildesheimer Schwurgericht verantworten.
Noch am Tatabend, 14. Januar, hatte der gebürtige Wolfsburger gegenüber
der Polizei eingeräumt, die Todesmaschinerie gebaut zu haben. Ein Eimer,
gefüllt mit fast drei Litern Kraftstoff hätte sich beim Öffnen der
Stalltür über die Ehefrau ergossen, Funken eines elektrischen
Weidezaungerätes hätten die explosive Lösung in Brand gesetzt. Zusätzlich
hatte der 34-Jährige einen Stolperdraht gespannt.
Der Angeklagte habe gewusst, dass seine Ehefrau am frühen Nachmittag
grundsätzlich den Stall betrete, um Pferdefutter zuzubereiten. Dabei werde
sie meistens von dem vierjährigen Sohn begleitet, dessen Tod der
Wasbütteler ebenfalls billigend in Kauf genommen habe, stand für
Staatsanwalt Horst Müller fest. Nur weil sie aufmerksam war, entdeckte die
33-Jährige die Brandfalle rechtzeitig und alarmierte die Polizei.
Der Angeklagte verblüffte das Gericht gestern mit einer abstrusen neuen
Geschichte, die ihren Anfang im Herbst 2001 nahm: Damals habe ihn seine
Geliebte, die in Trier lebt, zum Analverkehr gedrängt. Durch diese
sexuelle Praxis sei er daran erinnert worden, dass er in seiner Jugend
missbraucht worden sei.
Mit einem blauen Kunststoffseil habe er sich seinerzeit in seinem Haus
erhängen wollen. Ein Anruf seiner Firma habe diesen Selbstmord verhindert.
Auch die Brandfalle im Pferdestall, an deren Bau sich der Wasbütteler
gestern nicht mehr erinnern wollte, sei möglicherweise für seinen eigenen
Selbstmord bestimmt gewesen, mutmaßte der blass wirkende Angeklagte, der
sich von der Polizei zu seinem Geständnis genötigt sah.
„Was sollte dann der Stolperdraht? Wollten sie sich mit ihrem eigenen
Selbstmord überraschen, oder was?“, fragte einer der drei Richter
verärgert. „Ich bin eben ein Mensch, der einen Hang zu komplizierten
Dingen hat“, entgegnete der 34-Jährige.
Staatsanwalt Horst Müller platzte in diesem Moment der Kragen. „Ich fühle
mich von ihnen veräppelt“, ärgerte er sich. Das Urteil im
Brandfallen-Prozess wird am 3. Juli erwartet. Dem 34-Jährigen droht eine
lange Haftstrafe.
Quelle:
Aller Zeitung
27.6.2002
Mutter wegen Kindermord verhaftet /
Rentner verhindert Selbstmord - Brief an den Vater: "An Frauen fehlt es
dir nicht"
Aosta (mit) - Kein tragischer Unfall
bei einem Sommerausflug am See, sondern ein doppelter Kindermord. Die
Mutter der beiden Kinder, die am Montag im Alpensee von Brissogne unweit
von Aosta ertrunken sind, gestand gestern, in einem Anfall von Wahnsinn
ihren Sohn Matteo (4) ins Wasser gestoßen zu haben.
Gleich darauf habe sie sich mit dem 21 Tage alten Säugling im Arm
hinterhergestürzt. Die Frau, die nicht schwimmen konnte, wollte Selbstmord
begehen. Sie konnte jedoch durch einen Rentner, der ins Wasser gesprungen
war, noch rechtzeitig gerettet werden.
"Warum haben Sie mich nicht einfach sterben lassen", hatte die unter einem
schweren Schock stehende Olga C. den Mann angeschrien. Diese Worte hatten
bei den Ermittlern den Verdacht erweckt, dass es sich bei dem Tod der
Kinder um keinen Unfall gehandelt hatte, wie die Frau anfangs behauptete.
In der Wohnung der 31-jährigen, die sich in einem Turiner Krankenhaus
unter Arrest befindet, fanden die Staatsanwälte einen Brief an ihren
Ehemann Piero, in dem sie ihren Selbstmord ankündigte. "An Frauen fehlt es
dir nicht. Viel Glück, leb wohl. Ich möchte verbrannt werden", ist auf dem
Zettel zu lesen. Sie hatte ein schwieriges Verhältnis mit den
Schwiegereltern zugegeben. "Sie schätzen weder mich noch meine Kinder",
betonte die Mutter.
"Olga ist eine Frau, die sich seit Jahren mit schweren familiären
Problemen herumschlägt. Sie wollte mit ihren Kindern sterben. Sie ist tief
schockiert und muss weiterhin im Krankenhaus bleiben", sagte Fabrizio
Gandini. "Der Vater ist am Boden zerstört. Er wusste, dass seine Frau
unter Depressionen litt. Vor einigen Tagen war Olga von zu Hause
weggelaufen", betonte der Bürgermeister der Gemeinde Montjovet.
"Die Familien werden immer kleiner und die Frauen sind sich oft selbst
überlassen. Die Einsamkeit kann zu dramatischen Reaktionen führen", meinte
der Bischof von Aosta, Giuseppe Anfossi.
Quelle:
Dolomiten 27.6.2002
Die Mutter der in Italien ertrunkenen
Kinder in Haft
Rom, 26. Juni. (apa) Die 31-jährige Mutter der beiden Kleinkinder, die am
Montag in einem Bergsee in der Nähe von Aosta ertrunken sind, ist
verhaftet worden. Die Frau aus dem norditalienischen Bergdorf Montjovet
wird der Tötung verdächtigt. Sie hatte berichtet, dass ihr vierjähriger
Sohn ins Wasser des Sees von Brissogne gestürzt sei. Beim Versuch, ihn zu
retten, sei sie in den See gefallen. Dabei sei auch ihr 21 Tage altes Baby
ertrunken, das sie im Arm gehalten habe. Die Ermittler hatten in einer
ersten Phase von einem tragischen Vorfall gesprochen. Mehrere Widersprüche
im Bericht der Frau weckten jedoch den Verdacht der Kriminalisten.
Entdeckt wurde auch ein Brief, in dem die Frau ihren Selbstmord
ankündigte. Laut Familienangehörigen leidet sie unter Depressionen.
Quelle:
Neue Züricher Zeitung 27.6.2002
Geisterfahrt aus Liebeskummer
LINZ (SN, APA). Aus Liebeskummer wurde ein 28-jähriger Linzer zum
Geisterfahrer. Der Mann hatte seinen Selbstmord vor der Linzer
Polizeidirektion angekündigt und war dann absichtlich auf die falsche
Richtungsfahrbahn der A 7 (Mühlkreisautobahn) aufgefahren. Nach etwa einem
Kilometer kollidierte er seitlich mit einem mit zwei jungen Männern
besetzten Pkw, so die Polizei Linz. Alle drei kamen mit leichten
Verletzungen davon, der Geisterfahrer wurde in die Landesnervenklinik
eingewiesen. Der Lenker war alkoholisiert, gegen ihn wurde Haftbefehl
wegen vorsätzlicher Gemeingefährdung erlassen.
Quelle:
Salzburger Nachrichten 27.6.2002
Häftling tötete sich mit Strom
BERLIN - Tod durch Strom - trauriger Todesfall in der Jugendstrafanstalt
Berlin. Häftling Steven K. (18) kam durch einen elektrischen Schlag ums
Leben.
Das Kabel lag noch am Boden und der Jugendliche regungslos daneben. So
entdeckten Justizangestellte am Dienstag Steven K. in seiner Zelle. "Nach
den ersten Untersuchungen hat der Gefangene seinen Tod selbst
herbeigeführt, indem er ein Stromkabel in eine Steckdose steckte, dann
beide Pole des Kabels an seinen Körper hielt", sagt ein Justizsprecher.
Doch es könnte auch ein tragischer Unfall gewesen sein.
Steven K. aus Prenzlauer Berg war bereits seit dem 7. März in der
Haftanstalt am Friedrich-Olbricht-Damm. Das Gericht hatte ihn wegen
schweren, gemeinschaftlichen Raubes zu zwei Jahren verurteilt. Mit seinem
Komplizen Frank B. hatte der Jugendliche im Dezember 2000 am U-Bahnhof
Hellersdorf drei Fahrgäste aufgemischt und ausgeraubt. Knapp sechs Wochen
später überfielen die beiden wieder Fahrgäste diesmal im Bus am
Elsterwerdaer Platz. Beide Male hatten sie Geld und Handys geraubt.
Gestern hätte Steven mit Komplizen erneut vor Gericht gestanden - auch
wegen gemeinschaftlichen Raubes. Aber das Verfahren stand auf wackeligen
Füssen, wurde dann auch eingestellt. Das wusste Steven auch - kein Grund
also für einen Selbstmord. Auch Stevens Mutter kann sich einen Selbstmord
überhaupt nicht vorstellen, sie glaubt an einen furchtbaren Unglücksfall.
Quelle:
Berliner Zeitung 27.6.2002
Mann tötet Freundin und begeht
Selbstmord / Abschiedsbrief gefunden: Frau wollte sich trennen
WIEPERSDORF. Bei einem Beziehungsdrama in Wiepersdorf (Landkreis
Elbe-Elster) sind zwei Menschen ums Leben gekommen. Wie die
Staatsanwaltschaft in Cottbus am Mittwoch mitteilte, hatte der 51-jährige
Klaus P. in der Nacht zu Dienstag zunächst seine 47-jährige
Lebensgefährtin Marianne B. erstochen und sich dann selbst durch einen
Stich ins Herz getötet. Das Tatmesser wurde in der Hand des Mannes
gefunden.
Klaus P. hinterließ einen Abschiedsbrief. "Darin steht, dass er ohne seine
Freundin nicht mehr leben könne", sagte Cäsilia Kramer-Krahforst, die
Sprecherin der Cottbuser Staatsanwaltschaft. Kollegen der als Schneiderin
arbeitenden Frau hatten sich am Dienstag darüber gewundert, dass Marianne
B. nicht zur Arbeit erschienen war. Daraufhin riefen sie die Mutter von
Marianne B. an. Die Frau wohnt im Ort direkt neben ihrer Tochter. Sie fand
die Toten im Keller des Einfamilienhauses, der als Büro umgebaut war.
"Die Obduktion ergab, dass auf die Frau mehrmals eingestochen wurde, zwei
Stiche trafen direkt ins Herz", sagte Staatsanwältin Kramer-Krahforst.
Ihren Angaben zufolge hatte die Frau vor, sich von ihrem langjährigen
Lebensgefährten zu trennen. Die Trennung habe unmittelbar bevorgestanden.
Marianne B. war laut Staatsanwaltschaft zu DDR-Zeiten lange Zeit
Bürgermeisterin von Wiepersdorf. Nach der Wende kehrte sie wieder in ihren
alten Beruf als Schneiderin zurück. Klaus P. war bei einer Versicherung
beschäftigt. Beide hinterlassen je ein erwachsenes Kind aus anderen
Beziehungen.
Quelle:
Berliner Zeitung 27.6.2002
Das Grauen lässt sich nicht so
schnell verdrängen
Abschlussbericht zum Erfurter
Amoklauf vorgelegt - Schüler und Lehrer benötigen weiter Betreuung
Erfurt - Die Ermittlungsarbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft ist zum
größten Teil abgeschlossen, der vorläufige Abschlussbericht liegt vor. Die
schrecklichen Erinnerungen an den Erfurter Amoklauf lassen sich allerdings
nicht so einfach verdrängen.
Mehr als acht Wochen nach der Bluttat am Gutenberg-Gymnasium, bei der der
19-jährige Robert Steinhäuser am 26. April 16 Menschen niedermetzelte und
dann sich selbst tötete, legte Thüringens Innenminister Christian Köckert
(CDU) am Dienstag den vorläufigen Abschlussbericht vor. Anhand der
Zeugenaussagen und Spuren rekonsturierten die Experten detailliert den
Tathergang. Mehr als 500 Menschen, darunter rund 250 Schüler, wurden als
Zeugen befragt. Während die Polizeiakten bald geschlossen werden können,
benötigen Schüler und Lehrer noch lange psychologische Hilfe, um das
Erlebte zu verarbeiten.
Penibel zeichnet der Bericht den blutigen Weg von Robert Steinhäuser durch
das Gymnasium nach - wie der schwarz gekleidete und vermummte Täter mit
einer Pistole die Flure und Klassenzimmer auf der Suche nach Lehrern
durchkämmte und in einem Zeitraum von neuneinhalb bis zehneinhalb Minuten
zwölf Pädagogen, eine Sekretärin, zwei Schüler und zum Schluss einen
Polizisten tötete. Der Bericht macht auf beklemmende Weise klar, dass die
Opfer keine Chance hatten. Bis zu achtmal wurden sie von Kugeln
durchsiebt. Dem Obduktionsberichten zufolge hätten die Opfer auch trotz
schneller medizinischer Versorgung keine Überlebenschance gehabt.
Köckert verteidigte zugleich den Polizeieinsatz gegen Kritik und
begründete das zögerliche Vorgehen bei der Durchsuchung der Schule mit der
unübersichtlichen Gebäudestruktur. Auch musste die Polizei auf Grund von
Zeugenaussagen zunächst davon ausgehen, dass es einen zweiten Täter gab.
Das genaue Motiv für die Tat wird nie völlig geklärt werden. Eine
Zeugenaussage gibt aber einen wichtigen Hinweis: Auf die Frage eines im
Schulhaus arbeitenden Handwerkerlehrlings, ob dies ein ¸¸übler Scherz oder
ein Abiturspaß'' sei, zog Robert Steinhäuser seine Maske vom Kopf und
sagte, er sei von der Schule verwiesen worden. Wenig später wurde der
Amokschütze von dem Lehrer Rainer Heise in einem Raum eingeschlossen, wo
er sich selbst richtete.
Die Bluttat hat zu Konsequenzen geführt: Das Waffengesetz ist verschärft
worden, auch gelten mit dem neuen Jugendschutzgesetz strengere Auflagen
für Gewaltvideos und Computerspiele. Zudem wird in Thüringen über eine
Änderung des Schulgesetzes diskutiert, um Schülern, die wie Steinhäuser
scheitern, doch noch einen Abschluss zu ermöglichen. Bisher können sie
dies nur in einer externen Prüfung nachholen.
In Erfurt sind die Menschen inzwischen weit gehend zur Normalität
zurückgekehrt. In der Stadt sind kaum noch Spuren sichtbar, die an die
schreckliche Tat erinnern. Noch immer aber werden am Portal des
Gutenberg-Gymnasiums Blumen niedergelegt. Die Schule bleibt vorerst
geschlossen und wird umgebaut. Die rund 700 Schüler werden einstweilen in
einem Ausweichgebäude unterrichtet.
Nach wie vor kümmern sich Psychologen um die nicht sichtbaren Wunden, die
das Verbrechen bei den Schülern und Lehrern hinterlassen hat - auch in den
gerade begonnenen Ferien. Viele Schüler sind nach Angaben des
Traumaexperten Georg Pieper noch sehr angespannt und verletzlich. Dies
zeigte einmal mehr der Selbstmord eines Gutenberg-Schülers vor rund zwei
Wochen, der offenbar mit seinen privaten Problemen nicht mehr fertig
wurde. Nach einer ¸¸Betäubungsphase'', in der sie das Erlebte verdrängt
haben, kehren jetzt bei vielen die Bilder und Erinnerungen an die Bluttat
zurück.
Quelle:
Sindelfinger Zeitung 26.6.2002
"Es soll kein zweites Erfurt mehr
geben" / Schüler regen Diskussion im Internet an
Loitz. Schüler der 9. Klasse des Loitzer Gymnasiums regen mit ihren Fragen
zum Geschehen von Erfurt eine Diskussion im Internet an. Im Rahmen eines
Projektes im Sozialkundeunterricht haben sie ihre Gedanken in Fragen
formuliert. Und inzwischen eine Vielzahl von Reaktionen auf ihre Fragen
erhalten.
Das Geschehen in Erfurt machte viele betroffen, aber auch nachdenklich. So
schreibt ein Loitzer Bürger, dass es jetzt einfach sei, die Schuld auf ein
gestörtes Schüler-Lehrer-Verhältnis zu schieben. Das sei wahrscheinlich
für die Politik und die Eltern die einfachste Lösung. Aber ein Lehrer
könne jahrelanges Fehlverhalten der Eltern bei der Erziehung nicht in ein
paar Stunden Unterricht wieder gutmachen. Das sei schon allein aufgrund
der Schülerzahlen und der ständig wechselnden Lehrer unmöglich. Er rät,
auf so genannte "Outsider" zuzugehen, statt sie weiter auszugrenzen. Das
wäre sicher eine Prävention gegen solche Vorfälle.
Die Loitzer Schüler haben auf der Internet-Seite des Loitzer Bürgerforums
unter www.loitzer-buergerforum.de Fragen formuliert, um eine Diskussion
auszulösen. So heißt es unter anderem: Könnte es sein, das Leistungsdruck
unter bestimmten Bedingungen Aggressivität bei Schülern auslöst? Haben die
Leistungen der Schüler Einfluss auf das Verhältnis zwischen Lehrern und
Schülern? Könnte es sein, dass die im Schulgesetz vorgesehenen Erziehungs-
und Ordnungsmaßnahmen bei manchen Schülern genau das Gegenteil bewirken?
oder Ist es denkbar, dass Lehrerinnen und Lehrer, genau wie die Menschen
in anderen Berufen unterschiedlich für ihre Aufgaben geeignet sind? Wenn
das so ist, wer sorgt dafür, dass ungeeignete Lehrer ihren Beruf wechseln?
"Kleinere Schulklassen"
Eine Loitzer Schülerin schließt nicht aus, dass so ein Drama wie in Erfurt
auch an anderen Schulen passieren kann. Zwei Mädchen schreiben auf die
Loitzer Internetseite, dass nicht nur Waffenschutzgesetze Schuld seien:
"Man hätte dieses Ereignis verhindern können, wenn Lehrer und Schüler sich
gegenseitig als Menschen mit Bedürfnissen und Gefühlen sehen. Dazu sollten
die Klassen kleiner werden. Denn kein Lehrer kann seine Schüler so gut
kennen, dass er voraussehen kann, was in ihm vorgeht."
Ein anderer Schüler schreibt via Internet, dass bei manchen Schülern schon
ein Feindbild zu den Lehrern existiere, aber das sei auch umgekehrt nicht
anders. Auch in der Loitzer Schule gebe es unfähige Lehrer, die durch ihre
Unfähigkeit die Schüler nur noch aggressiver machen. Eine weitere
Schülerin schreibt, dass niemand wissen könne, was wirklich in jedem
einzelnen vorgehe. Den Ausspruch "Wer für so eine Tat wie in Erfurt fähig
ist, muss schon lange vorher den Entschluss zum Selbstmord gefasst haben."
Sie hoffe, dass es kein zweites Erfurt mehr geben wird.
Quelle:
Nordkurier 27.6.2002
Der Lehrer kapituliert, bevor er den
totalen Krieg erklärt / Klamms Krieg (oder 1 Punkt am Leben vorbei) von
Kai Hensel im Altonaer Theater
"Alle rauskommen! Ich erkläre den
Krieg für eröffnet!! Jeder gegen jeden, ich will Tote sehen!! Sonst
ertränke ich euch in meiner Kotze!!" Am Ende fällt Lehrer Klamm vollends
aus der Rolle: betrunken, verzweifelt, außer sich. Kai Hensel (37) schrieb
den Lehrermonolog "Klamms Krieg" 1995, die Uraufführung fand am
Staatsschauspiel Dresden statt. Nach dem Erfurter Amoklauf ist die Sache
plötzlich ernst und die Aufmerksamkeit für Schülerpein und Lehrerstress
groß.
"Klamms Krieg" schildert eine Kapitulation, vor dem Kräftemessen im
Klassenraum, vor dem System Schule. Lehrer Klamm schwankt zwischen Willkür
und Prinzipienreiterei. Er will nicht bestechlich sein und ist es doch. Er
verweigert dem Schüler Sascha den einen Punkt, der ihm zum Bestehen des
Abiturs fehlt. Saschas Selbstmord veranlasst den Leistungskurs Deutsch im
zwölften Jahrgang zum Boykott. Der schweigende "Akt" der Klasse führt zu
Klamms Rechtfertigungsrede, aus der der Bühnenstoff ist und in der sich
Unterrichtsstoff, rhetorische Spielchen und Seelenstriptease vermischen.
Die am Dienstag mit viel Applaus bedachte und sehr sehenswerte Hamburger
Erstinszenierung von Anja Del Caro führt das Publikum des Altonaer
Theaters in einen Klassenraum im Keller der benachbarten Gewerbeschule.
Das Publikum nimmt die Rolle der stummen Klasse ein, Klaus Falkhausen
spielt den Herrn Klamm. Dessen Ungehaltenheit, seine Resignation, sein
Ringen um Autorität, seine traurige Ankumpelei lässt auf Grund von Hensels
doppelbödigem Text viel Spielraum für unterschiedliche Typen. Falkhausen
zeigt einen potenziell sympathischen. Nicht zornig, eher beleidigt.
Innerhalb des Kollegiums ist Klamm isoliert, den Schülern hat er längst
nichts mehr entgegenzusetzen. Reste von Ehre und Stolz keimen auf, wenn er
sich mit verbittert zusammengepressten Lippen, herabhängenden Mundwinkeln
sitzend hinter dem Pult verschanzt, der Klasse aber selten bedrohlich nahe
kommt. Sein meist leises, langsames Sprechen wechselt zwischen sinnlosen
Machtworten und Mitleid erregender Innerlichkeit - er ist von Anfang an in
der Defensive. Wenn Klamm nun seinerseits zum Angriff übergeht, heißt das
nur, dass sich Aufgestautes über den "Albtraum Schule" Bahn bricht, nicht
aber, dass Kommunikation stattfindet. Sätze wie "Ich bewundere Ihren
Starrsinn" oder "Sie haben die Wahrheit erkannt, dafür mache ich Sie
stark" zeigen die tragikomische Gratwanderung in einem Netz ambivalenter
Projektionen voneinander abhängiger Gegner.
Klamms Plädoyer wird zu einer traurig-grotesken, streckenweise aber auch
komischen Nabelschau, wenn er vollends aus der Rolle fällt. Sehr gut die
kafkaeske Schlüsselszene, in der sich Klamm blutend vom privaten Unfall im
Badezimmer das Kainsmal selbst auf die Stirn schmiert. Auf dem Pult
knieend rekapituliert er Gefühle des "pädagogischen Eros". "Lehrer sind
Mörder" stößt er schließlich im seelischen Delirium nur die halbe Wahrheit
hervor.
Termine: 28.6., 3.7. 20 Uhr, Treffpunkt 19:45, Altonaer Theater,
Museumsstraße 17.
Quelle:
Die Welt
27.6.2002
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